Sonntag, 25. März 2018

Rezension zu "Lieber Feind" von Jean Webster

Zum Buch

Jean Websters zweiter Briefroman

Als Sallie McBride von ihrer Freundin Judy das Angebot bekommt, das John-Grier-Heim zu leiten lehnt sie zunächst ab. Unvorstellbar für die junge Frau, plötzlich ein Waisenhaus zu leiten und für über einhundert Kinder verantwortlich zu sein! Doch nachdem Sallies Verlobter Gordon ihr lachend zu verstehen gegeben hat, dass sie dafür völlig ungeeignet ist, sagt sie zu – denn nun ist ihr Ehrgeiz erst recht geweckt. 
Anfänglich ist sie über die Zustände im Heim etwas entsetzt und bringt sofort frischen Wind in die tristen Räume. Mehr und mehr erwärmt Sallie sich für ihre Aufgabe, auch wenn diese mitunter sehr anstrengend sein kann – denn als 113-fache Mutter hat man es nicht leicht! Doch sie setzt alles daran, den Kindern ein schönes und herzliches Zuhause zu schaffen. Jedoch wird ihr Tatendrang nicht von allen gut aufgenommen – wie beispielsweise vom Kinderarzt Dr. McRae, der regelmäßig zu den Kindern ins Heim kommt.  Mit ihrem „liebsten Feind“ und seiner speziellen Art hat Sallie manchmal alle Hände voll zu tun…


„Außerdem ist es ganz egal, was der Herr Doktor will: Er hat eine so überzeugte und diktatorische Auftrittsweise, dass man ihm schon aus Selbstachtung widersprechen muss. Wenn er behauptet, dass die Erde rund sei, versichere ich sofort, sie sei dreieckig.“ (Sallie) – Seite 79


Lieber Feind ist der zweite Briefoman von Jean Webster, der erstmals im Jahre 1915 veröffentlicht wurde. Damit folgt es seinem wunderbaren Vorgänger Lieber Daddy-Long-Legs. Hauptfigur hier ist die junge Frau Sallie McBride, die von ihrer Freundin Judy die Leitung des John-Grier-Waisenhauses angeboten bekommt. Judy McAbbott wird vielen bekannt sein aus dem Vorgänger, in dem sie Briefe an ihren geheimnisvollen Wohltäter Daddy-Long-Legs schreibt. Auch wenn es hier um das Leben von Sallie geht, ist es unheimlich interessant, auf indirekte Weise zu erfahren, wie es Judy inzwischen ergangen ist. Denn ein Großteil ihrer Briefe schreibt Sallie an ihre hochgeschätzte Freundin. Wie schon bekannt, ist auch dieses Buch ein Briefroman – mit einem Unterschied: Sallie kommuniziert mit drei verschiedenen Personen, was eine schöne Abwechslung ergibt. Ihre erfrischende Art und ihr großes Herz für die Waisenkinder wird schnell spürbar:


„Ich habe eine unverrückbare Regel aufgestellt – alle anderen sind dehnbar. Kein Kind wird in eine Familie gegeben, wenn diese ihm nicht ein besseres Leben bieten kann, als wir hier.“ – Seite 86


Natürlich gibt es auch immer wieder charmant-bissige Kommentare in ihren Briefen:


„Neun Uhr abends. Meine Kinder sind im Bett, und mir kommt gerade ein Gedanke. Wäre es nicht wunderbar, wenn auch Menschenjunge in den Winterschlaf fallen würden? Es wäre wirklich angenehm, ein Waisenhaus zu leiten, wenn man die kleinen Herzchen am 1. Oktober ins Bett stecken und dort bis zum 22. April lassen könnte.“ – Seite 133/134


Das ganze Buch ist wunderbar geschrieben und entwickelt sich nach und nach zu einer interessanten und schönen Geschichte. Ich hätte mir nur noch etwas mehr Tiefe der Charaktere gewünscht und auch einige Kinder gern besser kennen gelernt. Diese bleiben meist nur an der Oberfläche. Doch ansonsten ist Sallies Weg interessant zu verfolgen. Wie alle erschienenen Bücher aus dem Königskinder-Verlag ist auch hier die Buchgestaltung wieder rundum gelungen. Eine wunderschöne Neuauflage!

Mein Fazit: Auch wenn Lieber Feind schon über 100 Jahre alt ist, hat er in all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Der zweite Briefroman ist charmant, überwiegend humorvoll und lässt sich sehr gut lesen. Und auch wenn es mal nachdenklich und ernster wird, so verliert das Buch nichts von seiner angenehmen Art. Einen halben Stern ziehe ich ab, da ich mir bei den Charakteren etwas mehr Tiefe gewünscht habe. Ansonsten hat es mir sehr gut gefallen und vergebe 4,5 Sterne hierfür. Wer Lieber Daddy-Long-Legs mochte, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen!

Meine Bewertung: 





Titel: Lieber Feind

Autorin: Jean Webster
Genre: Jugendbuch / Klassiker
Seitenanzahl: 416
Verlag: Carlsen / Königskinder


Die Briefromane von Jean Webster:
Band 1 - Lieber Daddy-Long-Legs
Band 2 - Lieber Feind



Vielen Dank an Carlsen und den Königskinder-Verlag für das Rezensionsexemplar! :)

Kommentare:

  1. Hallo Nicole,

    dieses Buch hat durch die Briefe einen ganz besonderen Reiz. Manche Zitate gefallen mir richtig gut. Danke fürs Vorstellen.

    Mal was anderes, bei WLD gibt es ein Usertreffen in Dortmund. Wäre das nicht etwas für dich? Hier ist mal der Link, falls du Interesse hast.

    https://wasliestdu.de/termin/2018/wld-usertreffen-in-der-mayerschen-dortmund

    Liebe Grüße und eine schöne Woche,
    Barbara

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    1. Hallo Barbara,

      ja, die Briefromane von Jean Webster haben einen ganz besonderen Charme und sind sehr lesenswert! :)

      Vielen Dank für den Hinweis! Ein Usertreffen ist wirklich eine tolle Idee - jedoch bin ich bisher noch nicht bei 'Was liest du' angemeldet. Ansonsten hätte ich es mir vorgemerkt. :)

      Liebe Grüße
      Nicole

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